Rückblick 2009

 Was bitte ist Dessopolis?

Dessopolis ist das einzige Kinderstadtprojekt in Dessau-Roßlau und fand 2007 zum ersten Mal statt. Von Anfang an war die Idee ein Erfolg – fast 800 Kinder besuchten im ersten Jahr an sieben Tagen die Stadt – und 2009 öffnete Dessopolis auf vielfachen Wunsch schon zum dritten Mal seine Tore, erstmalig zehn Tage lang.
Zielgruppe sind Kinder zwischen 7 und 14 Jahren aus dem gesamten Raum Dessau-Roßlau und darüber hinaus. Der Eintritt betrug einen Euro täglich inklusive aller Angebote, Mittagessen, Snacks und Getränke. Damit verstand sich die Kinderstadt vor allem auch als Ferienangebot für Kinder, die nicht in den Urlaub fahren können.
Die Stadt war täglich von 10 - 17 Uhr geöffnet. Eltern hatten nur im Rahmen einer Führung Zutritt bzw. am Tag der Offenen Tür.
Fotos der Kinderstadt 2009 gibt es hier zu sehen. Und hier gibt es sogar einige bewegte Bilder.

Vorbereitung

Die Kinder sollten ihrer Stadt nicht erst während der Durchführung ihren Stempel aufdrücken. Darum luden wir 2009 zum zweiten Mal zufällig ausgewählte Kinder zu regelmäßig stattfindenden Vorbereitungstreffen in einen eigens angemieteten Laden im Dessauer Zentrum ein. Bei diesen Treffen entwarfen die Kinder die Werbeplakate und Einladungen, bestimmten, wie die diesjährige Dessopolis-Währung heißen, was es zu essen geben und wie das Stadtgesetz lauten sollte.

Außerdem gehörte für die Kinder zur Dessopolis-Vorbereitung auch ein Kunst-Workshop unter Leitung der Hallenser Künstlerin Sabine Kunz. An vier verschiedenen Wochenenden fertigten die Kinder im Kinderladen Skizzen und Zeichnungen für Holzschnitte an. Die fertigen 1,80 x 0,60 Meter großen Kunstwerke bilden die Lettern DESSOPOLIS und wurden nach ihrer Fertigstellung im Juli und August in Dessau an verschiedenen Orten wie einem Einkaufszentrum oder im Rathaus einzeln aufgestellt und dienten so als Werbefläche für Dessopolis.

Namensfindung für die Währung

Vom 02.-11. November 2009 werden die großen Werke unserer kleinen Künstlerinnen und Künstler nun erstmals zusammengeführt und sind im Rahmen einer kostenlosen Ausstellung im Foyer der Stadtsparkasse Dessau zu sehen.

Die feierliche Eröffnung fand am 2. November statt. Fotos davon gibt es hier zu sehen.

Ablauf

Wie muss man sich nun eine "Stadt im Kleinformat" vorstellen? Dessopolis hat alles, was jede andere Stadt auch hat. Da gibt es Läden, Dienstleister, jede Menge Ämter, ein Krankenhaus, eine Zeitung, einen Fernsehsender und so weiter.

Wenn die Kinder in der Stadt ankommen, erhalten sie am Einwohnermeldeamt zunächst einen Bürgerpass, der sie als Einwohner von Dessopolis ausweist, komplett mit Namen und einem Foto (das natürlich im stadteigenen Fotoladen gemacht wird). Die Kinder erhalten Begrüßungsgeld in der Dessopolis-Währung und haben nun die Qual der Wahl. Gehen sie zuerst in die Badeanstalt zum Schwimmen, kaufen sie sich etwas zu trinken, bummeln sie durchs Kaufhaus, oder legen sie das Geld auf der Bank an und gehen zum Arbeitsamt, um sich einen Job zu suchen?

Die Kinder entschieden sich in den allermeisten Fällen für die letzte Variante, da sie nicht nur Spaß dabei hatten, sich in den fast 50 Berufen der Stadt auszuprobieren, sondern natürlich auch ganz schnell merkten, dass nur derjenige, der arbeitet, Geld verdient.

Sämtliche Berufe wurden von insgesamt über 100 ehrenamtlichen Helfern zwischen 16 und 60 Jahren betreut. Sie waren jedoch nicht etwa die Chefs, sondern zeigten den Kindern lediglich, was man für die einzelnen Berufe wissen musste, damit die kleinen Berufstätigen sich dann möglichst selbständig und kreativ entfalten konnten.

So verfielen die Kinder in der Bäckerei bald darauf, eigene Rezepte auszuprobieren oder von zu Hause mitzubringen. Der Stadtchor sang ausschließlich von seinen Mitgliedern ausgewählte Stücke, und den Mitarbeitern des Stadtplanungsbüros fiel beim Anfertigen eines Stadtplans auf, dass die Straßen noch gar keine Namen haben. Umgehend befragten sie die Bewohner, wie diese benannt werden sollten.

Einige Kinder machten sich mit besonders guten Ideen bzw. mit besonders viel Geschäftssinn selbständig, zum Beispiel als Massage-TherapeutInnen, StylistInnen oder mit einem eigenen Kaufhaus.

Die Schneider bei Auftragsarbeiten für das Kaufhaus

Bemerkenswert war vor allem die Kooperation der Berufe untereinander. So gaben die Stadtplaner bei den Malern die Straßenschilder in Auftrag, das Kindercafe wurde von der Bäckerei mit Kuchen versorgt, und der Veranstaltungsservice bot ein Hochzeits-Komplettpaket an, inklusive Ringen aus der Schmuckwerkstatt, einem Ständchen der Musiker und einem Hochzeitsalbum vom Fotoladen.

Und das alles nahmen die Kinder nach kurzer Zeit selbst in die Hand. Unermüdlich sah man sie mit Briefen, Mitteilungen, Auftragszetteln und Lieferungen durch die Stadt laufen. Und wer nach getaner Arbeit noch Energie hatte, der belegte an der Akademie Kurse, um ein Diplom oder einen Doktortitel zu erwerben bzw. nach einem eigenen Vortrag sogar Professor zu werden. Denn so verdiente man automatisch mehr Geld. Weitere Freizeitmöglichkeiten waren das Kino, das Fitnesscenter, der Jahrmarkt oder Veranstaltungen wie das Bergfest und "Dessopolis sucht den Superstar". Selbstredend waren auch diese von den Kindern organisiert worden.

Abends holten die Kinder dann ihre Eltern im Elterngarten ab, wo diese bei Kaffee und Kuchen geduldig auf ihren Nachwuchs warteten.

Auch Politik gehört zum Stadtleben in Dessopolis, und so fanden zweimal Bürgermeister- und Stadtratswahlen statt, und zweimal setze sich die 13-jährige Ula Abu Allel durch. Zur Wahl stellten sich beide Male acht KandidatInnen, die mit Wahlplakaten und Versprechen wie Lohn- und Zinserhöhungen, Sauberkeit und mehr Ideenreichtum um Stimmen warben. Per Wahlzettel konnten die Kinder dann geheim abstimmen.

Der Stadtrat kümmerte sich um die Anliegen, Fragen und Beschwerden der Bürger und schaffte es bis zuletzt, das Wahlversprechen „Steuern nur für Reiche“ zu halten.

Sogar eine Städtepartnerschaft mit Bärenhausen wurde am letzten Tag feierlich besiegelt, als der Stadtrat der Bernburger Kinderstadt zu Besuch kam.

Die Bürgermeisterin mit Schärpe und Stadtschlüssel nebst StadträtInnen

Nicht ganz ohne Stolz möchten wir an dieser Stelle bemerken, dass Bärenhausen von Dessopolis inspiriert und beeinflusst ist – genau wie die hoffentlich 2010 stattfindende Kinderstadt in Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt Magdeburg.

Natürlich ist die Planung und Durchführung eines solchen Großprojektes enorm aufwendig, vor allem, wenn man bedenkt, dass alle Beteiligten rein ehrenamtlich tätig waren. Aber dank der Mitglieder des punkt e.V., vieler unermüdlicher Helfer, zahlreicher unverzichtbarer Projektpartner sowie natürlich der öffentlichen Geldgeber, Spender und Sponsoren konnte Dessopolis auch 2009 erfolgreich abgeschlossen werden.

Ergebnisse

Erklärte Ziele des Projektes waren:

• als Form des Ausdrucks demokratischer Beteiligung Kindern der Altersgruppe gerecht Funktionen von Politik und Verwaltung nahezubringen
• gesellschaftliche Zusammenhänge erlernbar und erlebbar zu machen (z.B. Zusammenhang von Arbeit, Produktion, Lohn, Konsum, Freizeit, Kultur, Religion)
• Kindern Toleranz und Verständnis für andere zu vermitteln
• Kindern die Möglichkeit zu geben, eigene Potenziale zu erkennen, einzusetzen und zu stärken, um eine Festigung des Selbstbewusstseins und des sozialen Netzwerks zu erreichen
• Kindern die Möglichkeit zu geben, eigene Strategien zur Problemlösung und Schlichtung von Streitigkeiten zu entwickeln

Dank des pädagogischen Projektansatzes, der Kindern die fantastische Möglichkeit bietet, sich spielerisch-kindlich zu entfalten und gleichzeitig wie Erwachsene ernst genommen zu werden, wurden all diese Ziele erreicht.

Durch ihre aktive und passive Teilnahme am Wahlkampf und später im Stadtrat lernten die Kinder, wie wichtig es ist, Botschaften klar formulieren zu können, (Wahl)Versprechen zu halten und Verantwortung nicht nur für sich, sondern auch für andere zu übernehmen. Sie setzten sich mit konkreten Themen wie der Besteuerung von Unternehmen auseinander und erhielten so leichten Zugang zu sonst abstrakten Themen.

Durch die vielen verschiedenen Berufe, die die Kinder ausübten, lernten sie ganz praktisch neue Fähigkeiten, etwa Töpfern oder Unkraut jäten, aber auch den Zusammenhang von Arbeit und Lohn. Sie begriffen, wie wichtig und hilfreich es ist, mit anderen zusammenzuarbeiten. Aussehen, sozialer Hintergrund, Sprache und selbst körperliche und geistige Behinderungen spielten keine Rolle mehr. So wurde zum Beispiel eine Gruppe von Kindern mit Asperger-Syndrom ohne viel Aufhebens sofort in den Arbeitsmarkt integriert. Der hohe Migrantenanteil unter den Kindern fiel ihnen selbst nicht auf.

Dadurch dass die Verrichtung einer Arbeit ihnen das Gefühl gab, Verantwortung zu tragen und wichtig zu sein, bauten die Kinder Hemmungen ab, gewannen Selbstbewusstsein, erkannten eigene Stärken und Talente und schlossen Freundschaften untereinander und mit den Helfern.

Meistens ging es sehr friedlich zu, und wenn es doch einmal Probleme gab, wussten die Kinder, dass sie sich nur an die Helfer in den grünen T-Shirts wenden mussten, um Konflikte gerecht und nach Anhörung aller Parteien zu schlichten. Gab es tatsächlich einen Schuldigen, machten die Kinder selber Vorschläge zur Wiedergutmachung, wie zum Beispiel "5 Desso Geldstrafe" oder "eine Stunde umsonst saubermachen".

 

Reaktionen ...

... der Kinder

„Ich wollte unbedingt zum Betriebsarzt, und jetzt ist da kein Job mehr frei!“

„Ich arbeite heute ehrenamtlich für die Zeitung. Ich habe schon so viel Geld verdient.“

„Ideen sind der Grundbaustein für unser Dessopolis.“

"Was? Nächstes Jahr gibt es kein Dessopolis? Was soll ich denn dann in den Ferien machen?"

 

... der Eltern

"Einfach toll, was die Kinder so leisten. Alle sind ganz bei der Sache und wollen sich engagieren, um zum Gelingen "ihrer" Kinderstadt beizutragen."

"Es ist bedauerlich, dass wir die Kinderstadt erst am "letzten Tag" für unsere Kinder entdeckt haben. Ein Junge hat sogar nach einer Stunde Teilnahme geheiratet (flott, flott)."

"Es ist schon später Nachmittag, und mein Kind hat mich noch nicht angerufen, um abgeholt zu werden. Das will schon was heißen."

"Meine Tochter fieberte der Sommerzeit entgegen, um wieder dabei zu sein".

 

... der Betreuer

"Es war toll, neue Erfahrungen zu sammeln und neue Perspektiven kennenzulernen."

"Am schönsten fand ich, wenn die Kinder früh schon sehnsüchtig am Tor standen."

"Am besten gefiel mir das abendliche Beisammensitzen, und auch die Kinoabende waren klasse, weil die Betreuer super waren."

"Am schönsten waren die lachenden Gesichter von den Kindern. Die Aufgewecktheit und das Strahlen bei der Arbeit."

"Eigentlich fand ich alles schön. Ich habe mich riesig gefreut, mit welchem Engagement die Kinder dabei waren."

 

Fazit

Nach dem ersten Experiment 2007 und der gelungenen Wiederholung 2008 hat sich Dessopolis also 2009 schon fest etabliert. Wie fest, veranschaulicht unserer Meinung nach am besten dieser Leserbrief, der am 08.09.2009 in der Mitteldeutschen Zeitung erschien. Besser hätten wir es selbst nicht formulieren können.

 

Kinderstadt ist ein großartiger Höhepunkt im Stadtleben
Zu "Kinder stimmen erneut für Ula", MZ vom 31. Juli

Die Sommerferien können für Kinder recht lang werden, irgendwann fehlen dann auch Gleichaltrige und wir Eltern können diese Lücke nicht wirklich gut ausfüllen. So freuten wir uns, als unsere zehnjährige Tochter Lea in ihrer Galaxo-Zeitung den Hinweis entdeckte, dass jedes Schulkind in der Kinderstadt Dessopolis mitmachen könnte. Nach anfänglicher Bangigkeit und Ängstlichkeit bei Mutter und Tochter am Starttag, konnte ich jeden Nachmittag mein begeistertes Kind am "Grenzzaun" in Empfang nehmen und es gab soviel zu erzählen.

Meine Tochter war nicht jeden Tag in Dessopolis, aber an den Tagen ihrer Teilnahme konnte man sich über ihre Berichte nur freuen: es gab keine unangenehmen Zwischenfälle. Keine Aggression unter den Kindern, alle fanden einen Job, der sie gut ausfüllte, die Kinder haben sehr viel Selbständigkeit und Wissen über das Funktionieren gesellschaftlichen Zusammenlebens erfahren, es wurde gebastelt, gebacken, verkauft, Geld verdient, ausgegeben oder auf der Bank angespart, es wurde in diesem oder jenem Bereich auch mal gestreikt, eine Bürgermeisterin gewählt, die Bewohner von Dessopolis suchten ihren Superstar, man kann nur staunen, was da auf die Beine gestellt wurde. Hochzeitsfeierlichkeiten in der Kirche, Flitterwochen in der Badeanstalt (ein großer Pool), jeden Tag gab es eine Zeitung, selbst ein provisorisch eingerichtetes Kino erfreute die Kinder mit ausgewählten Kinderfilmen usw. Zu meiner Beruhigung konnte ich eine mobile Sanitätsstation entdecken - für eventuelle Wehwehchen.

Und überall junge fröhliche Menschen in grünen T-Shirts, das waren die Helfer und Betreuer: die Kinder waren bei diesen bestens aufgehoben. Ich habe nicht immer den Eindruck, in einem kinderfreundlichen Land zu leben - aber diese zehn Tage Dessopolis waren einfach ein Geschenk für uns alle! Danke all den vielen Organisatoren, ihr habt das so toll gemacht und so viele Kinderherzen beglückt. Diese Aktion ist für mich ein großartiger Höhepunkt im Dessauer Stadtleben. Ich hoffe, dass die Veranstalter auch in Zukunft jegliche Unterstützung bekommen, um solch einen Sommer für unsere Kinder organisieren zu können. Vorläufig wurden die finanziellen Mittel stark gestrichen, im nächsten Jahr gibt es kein Dessopolis - aber ich hoffe, dass diese Aktion bald weitergeführt werden kann! Danke an die Veranstalter, die Stadt, an alle Sponsoren, danke den vielen, vielen Helfern!  

Christel Ortmann, Dessau

  

Der punkt e.V. dankt allen Helfern, Unterstützern, Projektpartner, Geldgebern und vor allem den Kindern für ein fantastisches Dessopolis 2009!